Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii, die Zweite

Jürgen Strott beim Bikesplit

Jürgen Strott beim Bikesplit

Irgendwie mögen mich die hawaiianischen Götter nicht so sehr. 2010 ließ die Wassergöttin das Meersalz in meinen Hosenbeinen kristallisieren, so dass ich mich wund lief und 2014 legte die Feuergöttin Pele selbst mir spitze Steinchen vor’s Hinterrad. Aber der Reihe nach:

Erwartungen

Nach 2010 habe ich mich 2014 zum 2. Mal für den Ironman Hawaii in meiner Altersklasse qualifiziert. Diesmal sehe ich das Ganze durch eine etwas andere Brille: 2010 war alles neu, jetzt vergleiche ich. An was erinnere ich mich? Was ist anders? Es ist nicht mehr das einmalige Ereignis, sondern ein Wettkampf, bei dem ich als 73jähriger möglichst gut abschneiden und die Fehler von 2010 vermeiden will.

Unverändert ist mir natürlich klar, dass Hawaii ein Qualifikationsrennen ist. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle jünger und wesentlich schneller als ich. Allein deswegen stellte ich mich mental darauf ein, am Ende des Teilnehmerfeldes platziert zu sein und mehr oder weniger allein schwimmen, Rad fahren und laufen zu müssen. Wegen der speziellen Bedingungen wie schwimmen im offenen Meer, Hitze und Wind peilte ich als Zielzeit 14 Stunden an.

Ankunft in Hawaii

Auch dieses Mal ist die Ankunft auf Hawaii genau so überwältigend wie 2010. Der Flughafen gleicht eher einem Hüttendorf als einem Flughafen. Alles ist im Freien, bestenfalls überdacht. Überwältigend, weil man selbst in der Dunkelheit die reichhaltige Pflanzenwelt erkennt, und das warme Klima spürt. Auch wenn wir mit vier Stunden Verspätung und todmüde ankamen. Es ist einfach unbeschreiblich. Allerdings haben Leena und ich die Schwüle wesentlich anstrengender empfunden, als wir es in Erinnerung hatten.

Die Stimmung hier ist einmalig. Ganz Kona fiebert dem Wettkampf entgegen. Überall wird man gefragt, ‚Are you here for the Ironman?‘ Von Tag zu Tag reisen mehr Athleten, meist mit Anhang, an. Morgens ab 6 Uhr, wenn es hell wird, sieht man schon Läufer und Radfahrer auf den Straßen. Um 7 Uhr pilgert alles zum Pier, um auf der Ironman-Strecke zu schwimmen.

 


Vorbereitung

Ich habe die Reise über den gleichen IM-Reiseveranstalter gebucht wie 2010 und wusste, was ich erwarten konnte. Gleich am ersten Tag stehen 3,2 km Schwimmen quer durch die Kalekekua Bay (südlich von Kailua-Kona) zum Captain Cook-Denkmal an. Das war nach dem überlangen Flug und nur gut drei Stunden Schlaf gleich ein Hammer.

Mit etwas gemischten Gefühlen springe ich ins Wasser, das ausgesprochen warm ist. Der September war der heißeste seit 30 Jahren, und das schlägt sich nieder. Zwei neben mir schwimmende Delfine bekomme ich leider nur schemenhaft mit.

Ab dem 2. Tag wandere ich – wie die anderen – früh zum Pier um ca. 2 km zu schwimmen. Ich hatte mir zwar vorgenommen, nicht zu viel zu trainieren, trotzdem will ich natürlich die Strecken wieder kennen lernen. Da kommt es mir zu Pass, dass der Veranstalter eine Fahrt nach Hawi zum nördlichen Wendepunkt der Radstrecke anbietet. Allerdings meinte unsere Lauftrainerin Natascha (die mich immer mit guten Ratschlägen versorgte), ich solle nicht die ganzen 90 km fahren die Hälfte reiche auch. So fahren wir die letzten 35 km zusammen und es läuft prima.

Nach einem 10 km Lauf am Mittwoch wird außer einer kurzen Schwimmeinlage nur noch relaxt.

In der Wettkampf-Woche gibt es täglich was zu tun. Am Montag öffnet das Wettkampfbüro, Dienstag Mittag ist Nationenparade. Hier komme ich per Zufall zu der Ehre, vom Führungsfahrzeug vor den deutschen Teilnehmern aus, die Kinder am Straßenrand mit Bonbons beschenken zu dürfen.

Zwischen Dienstag und Donnerstag ist die Registrierung erforderlich, am Freitag Mittag ist Rad-, Helm- und Beutel-Check-In. Die 5000 freiwilligen Helfer geben sich jede erdenkliche Mühe, und alles findet in oder um das King Kamehameha Hotel statt.

Der Wettkampf

Schließlich kommt der heiß ersehnte und gleichzeitig gefürchtete Wettkampftag: 2:45h Aufstehen, 3:30h Frühstück, 4:30h Abmarsch vom Hotel zum Body-Marking um 4:45h – dann in die Wechselzone, Rad aufpumpen, Wasser auffüllen. Um 6:25/30h starten die Profis M/W und endlich um 6:50 und 7 Uhr die Agegrouper (M/W).

Ich ordne mich gleich ganz hinten für den Wasserstart ein. Das mag mich zwar 1 bis 2 Minuten kosten, dafür kann ich mich aber aus allen Prügeleien weitgehend raus halten. Pünktlich um 6:50 Uhr kommt der Startschuss und los geht’s. Die Agegrouper schwimmen in breiter Front und ich finde keinen Wasserschatten. Aber da kommen auch schon die schnellen Frauen an. Der 4. Gruppe kann ich mich anschließen und erreiche schon nach 48 Minuten das Wendeboot. Das ist für mich im offenen Meer eine gute Zeit. Der Rückweg dauert wesentlich länger – auch bei allen anderen dauert es 10 – 15 Minuten länger. Ich ruhe mich kurz an einer Boje aus und komme nach 2:02 Std. wieder an Land. Ich bin mit der Zeit zufrieden, zumal wir ja eine erhebliche Gegenströmung hatten und ich mich recht frisch fühle.

Die Radstrecke lässt sich zunächst super an, es rollt richtig flott, bis uns dann nach 48 Kilometern urplötzlich ein richtiger Hammerwind entgegen weht. Der sollte dann – bis auf wenige Kilometer – bis Hawi anhalten. Das bedeutete einerseits zusätzlichen Aufwand, aber natürlich auch Rückenwind nach dem Wendepunkt. Großer Gang rein, antreten und bergab in ‚Didis‘ Abfahrtsposition. Das machte richtig Spaß, und ich holte etliche auf, die ich im Gegenwind vorbei ließ, um Kräfte zu sparen. Das war immer noch mein Rennen. Dann hörte ich zum ersten Mal ein sanftes Zischen. So ein Platten am Hinterrad ist auch noch zu verkraften. Also Reifen runter, abgefühlt, neuer Schlauch rein, und zum Glück kommt der Service-Wagen mit einer ordentlichen Pumpe. Die Spezialisten raten zu etwas geringerem Druck wegen des heißen Asphalts, und weiter geht’s. Noch ist nichts verloren!

Ca. 3 km weiter höre ich wieder das Zischen. Jetzt wird’s ärgerlich. Das Spiel beginnt erneut. Nur diesmal muss ich das Loch im Schlauch finden, da ich wissen will, ob und wo mein Reifen defekt ist. Das dauert. Schließlich finde ich das relativ kleine Loch, aber nichts am Reifen. Also neuer Schlauch rein, den ich mir vorsichtshalber geben ließ, aufpumpen, nochmal Reifenkontrolle. Jetzt sehe ich auch den Riss im Reifen, nicht groß, aber gerade groß genug, dass der Schlauch sich durchpressen kann.

Die Zeit zerrinnt, aber so kann ich nicht weiter fahren. Ich habe ja sicherheitshalber noch ein Stückchen Reifen dabei. Als ich gerade alles wieder runter machen will, kommt der Service-Wagen wieder vorbei und gibt mir ein anderes Hinterrad. Mittlerweile ist fast eine Stunde vergangen und ich bin immer noch nicht viel weiter. Die Techniker sagen mir noch: Probably you’re gonna make it. Thanks… und weiter geht’s.

Aber es geht nicht so weiter, der Wind ist weg! Ich weiß, was das bedeutet. Es wird nicht lange dauern, und ich habe Gegenwind. Meine Uhr zeigt, ich habe noch gut 3 Stunden bis zum Rad-Cutoff, und der Tacho sagt, es sind noch 75 km. Das ist normalerweise kein Problem, aber der Gegenwind nimmt ständig zu. Auf gerader Strecke, kann ich nur mit Mühe 26 km/h. fahren. Bei diesen Bedingungen wird es schwer, im leicht welligen Gelände einen 25er Schnitt zu halten.

Mit Mühe komme ich 10 Minuten vorm Cutoff in die Wechselzone. Jetzt soll ich noch einen Marathon laufen! Unter dem linken Mittelfuß hat sich zu allem Überfluss auch noch eine Blase gebildet. Ich bin nahe daran aufzugeben. Aber dann überlege ich, dass ich es doch wenigstens probieren könnte.

Also weiter geht’s.

Es ist nicht mehr ganz so heiß, aber immer noch sehr schwül. Beim Radfahren merkt man das wegen des Windes nicht so sehr. Beim Laufen ist man nach ein paar Metern völlig durch geschwitzt. Die Oberschenkel brennen, die Füße wollen nicht hoch kommen, aber ich versuche langsam zu laufen. Es sind zwar noch gut 6 Stunden bis zum Zielschluss. Da ist aber selbst mit schnellem Gehen kein Marathon zu schaffen. Da ich nicht mehr laufen kann, muss halt eine Kombination aus Gehen und Laufen her. Das machen andere auch. Viele hat der Wind auch ohne Pannen platt gemacht.

Ich versuche ständig Zeit und Entfernung zum Ziel im Auge zu behalten, um nicht nachher wegen ein paar Minuten das Timelimit zu verpassen. Mittlerweile war es dunkel geworden. Auf dem stockdunklen Highway ist man ganz allein, schemenhaft kommen Läufer entgegen, ab und an überholt mich einer. Da kommt der innere Schweinehund ganz groß raus.

Im Energylab stelle ich dann fest, dass ab jetzt nicht mehr gegangen werden darf. Zwei Seelen ach in meiner Brust kämpften kurz. Willst Du finishen? Ja! Dann musst Du laufen! Dann lauf ich halt. Und so lief ich langsam, aber ich lief… und kam knapp 6 Minuten vor Zielschluss ins Ziel und höre das allseits bekannte und so heiß ersehnte ‚You Are An Ironman‘ und freue mich riesig, dass ich doch durchgehalten habe, auch, wenn ich meine ursprüngliche Zielvorstellung nicht verwirklichen konnte. Dass ich trotz aller Schwierigkeiten meinen inneren Schweinehund besiegte und überhaupt noch rechtzeitig ins Ziel kam, ist für mich der größte Erfolg.

Ein kleines Erlebnis am Rande muss ich noch erwähnen: Am Sonntag Vormittag sprach mich ein Hawaiianer an ‚ Congratulations, you beat me, my Name ist Billy‘ und ich erkannte tatsächlich einen Mitstreiter den ich mehrfach auf dem Rad und auch zu Fuß überholt hatte. Ganze 11 Sekunden war ich schneller. Erst am Abend bei der Siegerehrung als eben jener Billy eine Rede an die Athleten hielt, merkte ich, dass ich die ganze Zeit mit Billy Kenoi, dem Bürgermeister vom County of Hawaii, unterwegs war.

Fazit

Ohne Einschränkung: Hawaii ist eine Reise wert. Ich durfte erfahren, was das diesjährige Leitmotiv HO’OMAU bedeutet. Der Wettkampf war ein starkes Erlebnis, an das ich mich immer erinnern werde. ‚Anything is Possible‘.

Deswegen auch ein großes „Mahalo“ an alle, die mich im Training unterstützten und/oder durch SMS, Email, Postings und sonstige gute Zusprüche. Ein ganz besonderes Dankeschön geht aber an meine liebe Leena, die ständig ertragen musste, dass mein Training Vorrang hatte.

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Ein Kommentar zu Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii, die Zweite

  1. Ralf sagt:

    Hallo Jürgen, unbekannter Weise meinen Respekt für deine Leistung und Danke für den tollen Bericht. Wir kommen gerade von einer Urlaubsreise nach Hawaii zurück und ich habe die Bedingungen vor Ort erlebt und ich weiß als ex-IM Teilnehmer um die Anstrengungen in so einem Rennen.

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